Dieser Tage wird Browser-Geburtstag gefeiert. Zwanzig Jahre ist das WWW jetzt alt. Das Internet selbst ist schon viel älter und viel älter ist auch die Diskussion über die politischen Potentiale des Netzes.
Lange Jahre haben Wissenschaftler, Netz-Aktivisten und auch Politiker die Meinung vertreten, im und durch das Netz werde sich eine neue politische Agora bilden. Die Möglichkeiten der Information und Kommunikation des Internet sollten quasi automatisch zu einer Politisierung der Nutzer führen. Zu den bekanntesten Protagonisten dieser Idee gehörte wohl Al Gore. (Ja, genau der, der das Internet erfunden hat und jetzt das Welt-Klima rettet ;-) )
Doch diese Prognose scheint sich nicht zu erfüllen. Weder mit dem Aufkommen des Browsers, noch mit der Verbreitung der Web 2.0 Komponenten im Netz ist es zu einer messbaren Politisierung gekommen.
Eigentlich auch nicht verwunderlich, denn wieso sollte das Netz als solches die Menschen „politischer“ oder auch nur „politisch interessierter“ machen? Das haben vorher Telefon, Radio und Fernsehen auch nicht geleistet.
Als jemand der bei einer Partei und damit “in der Politik” arbeitet, bekommt man dann häufig vorgeworfen, dahinter stecke doch Absicht. Entweder aus Sorge vor Kontrollverlust (wissenschaftlicher Kritikansatz) oder in Folge der systematischen Missachtung der Bürgerinteressen (zivilgesellschaftlicher Weltverschwörungsansatz) würden einfach keine Beteiligungs- und Partizipationsmöglichkeiten angeboten.
Folglich gäbe es auch keine Politisierung.
Die Hinweise, dass z.B. die Grünen und die CDU bereits im Jahr 2001 „virtuelle Parteitage“ durchgeführt haben und seitdem – auch FDP und SPD – regelmäßig zur Online-Partizipation und Mitarbeit an konkreten Projekten aufrufen, dies aber immer nur zu quantitativ überschaubarer Beteiligung führt, wird in der Regel ignoriert oder im Sinne von „Dann habt ihr es nicht richtig gemacht“ kommentiert. (Hat eigentlich mal jemand die Anzahl der Debattenbeiträge ÜBER die Beteiligungsmöglichkeiten bei der Enquete-Kommission mit der Anzahl inhalticher Beiträge IM RAHMEN der Beteiligungsmöglichkeiten verglichen?)
Nun, sicherlich sind immer wieder (technische) Verbesserungen und Weiterentwicklungen der Partizipationstools sinnvoll. Aber, könnte es nicht sein, dass sich auch bei noch so tollen Angeboten grundsätzlich nur ein kleiner Teil im Netz engagieren möchte?
Ich bin überzeugt davon: Je höher der erforderlicher Einsatz an Zeit und Geist, desto höher muss das individuelle Interesse an der Sache sein, damit man sich auch tatsächlich beteiligt. Solange ich à la Avaaz nur einen Mittagspausen-Klick investieren muss, kommt man weltweit auf Millionen Nutzer. Muss ich mich registrieren, wie etwa bei Online-Petitionen, müssen es schon drohende Netzsperren sein, um die 100.000er-Marke zu knacken. Und wenn ich zur echten Textarbeit und Antragsformulierung aufgerufen bin, wie es beispielsweise die Enquete-Kommission den Engagierten abverlangt, bleibt es plötzlich bei einer Handvoll, allenfalls ein paar Dutzend aktiven Usern. Sei es nun in der Politik oder bei Wikipedia.
tl;dr
Politische-Partizipation im Netz (und offline) ist gut und richtig, wird aber immer nur für einen kleinen Teil der Menschen interessieren.
Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder und nicht die Position des Vereins PolitCamp, oder dessen Mitglieder.
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