Diskussionsimpuls zur Veränderung unserer Gesellschaft durch die Digitalisierung

Einer der nächsten Schritte hin zu einer digitalen Gesellschaft ist die Cloud. In der imaginären Wolke können wir künftig nicht nur von jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt auf unsere eigenen Daten, unsere Musik, von uns verfasste Texte, Zahlen, Tabellen und Bilder – also Teile unserer Erinnerung – zurückgreifen. Unser Wissen, die Dinge, die wir für wichtig erachten, sind für uns auch dann jederzeit verfügbar, wenn wir sie nicht mehr in unserem Kopf – auf unserer Festplatte – speichern und mit uns herumtragen. Das Internet verändert unsere Gesellschaft in nahezu allen Bereichen.

Wir tragen unser Wissen dank Wikipedia und Google auf der einen sowie vielfältig nutzbarer Smartphones und Tablets auf der anderen Seite permanent abrufbar mit uns herum. Das in der Cloud abrufbare Wissen ist ein großer Vorteil, wer mag dies bestreiten. Der Zugang zu Wissen ob nun durch Open Access oder auch Projekte wie Google books ist in der modernen Gesellschaft eine entscheidende Voraussetzung für Teilhabe und Partizipation.

Die sich aus der Digitalisierung ergebenden Veränderungen unserer Alltagskultur kennen wir alle. Wer kann noch dutzende von Telefonnummern auswendig, so wie das in den frühen 1990er Jahren noch üblich war? Die Bildungspolitik hat diesem kulturellen Veränderungsprozess schon längst Rechnung getragen, wenn in Schulen das Auswendiglernen deutscher Klassiker inzwischen geradezu verpönt ist. Moderne Bildungspolitik setzt auf Methodenkompetenz. Ganz entscheidend ist dabei die Medienkompetenz. Der Zugang zu neuen Medien befähigt eben nicht, diese entsprechend zu nutzen. Es klingt so leicht daher gesagt, dass wir einfach nur wissen müssen, wie wir uns Wissen erschlie-ßen, wo wir es finden und wie wir dann mit den vermeintlich relevanten Wissensbausteinen arbeiten.

Eine im Wissenschaftsmagazin Science veröffentliche Studie hat nachgewiesen, dass die jederzeit über das Internet verfügbaren Informationen Einfluss darauf haben, was und wie Menschen sich Dinge merken. Am Ende beeinflusst die damit eng verknüpfte Fragen, was wir wissen, unser Denken und unsere Entscheidungen. Aber während sich ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel vollzieht, diskutieren Politik und Wirtschaft vor allem technische Entwicklungen und Rahmenbedingungen sowie Regulierungsvorschriften. Mit den Auswirkungen des Internets auf unsere Gesellschaft beschäftigen sich nur die wenigsten. Dies trägt zu dem Gefühl vieler Menschen bei, für die das Internet inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Lebenswirklichkeit geworden ist, dass zahlreiche Entscheidungsträger unseres Landes dies nicht nachvollziehen und verstehen können. Das stellt eine zusätzliche Herausforderung dar.

Ich bin der Überzeugung, dass wir gerade eine unblutige Revolution erleben, der Folgen sehr viel weitreichender sein werden, als beispielsweise das Ende des Kalten Krieges, vielleicht sogar der Französischen Revolution. Und ich bin dankbar, dass ich diese Zeiten erleben darf, denn ich bin von den sich ergebenden Chancen begeistert. Allerdings bin ich auch der Überzeugung, dass wie stets die Geschichte offen ist. Neben dem Erfolg steht das Scheitern und so liegt es am Ende an uns, ob das Internet zu einem Segen für eine freiheitliche Gesellschaft wird oder nicht. Der durch das Internet ausgelöste gesellschaftliche Veränderungsprozess vollzieht sich leise und nicht unmittelbar. Die notwendige gesellschaftliche Debatte über das, was gerade geschieht, ist bis jetzt ausgeblieben.

In der digitalen Gesellschaft scheint mir neben des Zugangs und der Netzneutralität eine andere Frage von zentraler Bedeutung zu sein, der sich auch die Enquete-Kommission bis jetzt nicht wirklich nähern konnte: welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf unser kollektives Gedächtnis? Abgeleitet aus der Theorie von Jan Assmann, nach der das kollektive Gedächtnis – bestehend aus dem kommunikativen Gedächtnis der letzten drei Generationen und dem kulturellen Gedächtnis, dass die Weitergabe des Erfahrungs-schatzes der Menschheit als solches umschreibt – müssen wir uns der Frage stellen, wie in der digitalen Gesellschaft künftig gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht. Noch stärker als in der pluralistischen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts könnten künftig nicht mehr allein Erfahrungen, sondern in bisher ungekanntem Maße vor allem Interessen Menschen miteinander verbinden. Was für das Individuum mit großen Vorteilen verbunden sein kann, ist für das Kollektiv eine Herausforderung. Eine solidarische Gesellschaft setzt voraus, dass Menschen entgegen ihren partikularen Interessen Verantwortung übernehmen und so einen Beitrag leisten, um Herausforderungen zu meistern. Kurzfristig zu verzichten um langfristig zu profitieren lautet dieses Prinzip. Basis für eine solche nur auf den ersten Blick altruistische Haltung ist das kulturelle und kollektive Gedächtnis, das am Ende daran erinnert, dass man durch vermeintlichen individuellen Verzicht zugunsten der Gesellschaft am Ende auch persönlich profitiert.

Eine Veränderung des kollektiven Gedächtnisses in der digitalen Gesellschaft könnte am Ende also zu einem Auseinanderfallen von Gesellschaften führen. Im Kontext der Globalisierung bedeutet dies u.U., dass Eliten nicht mehr Verantwortung in einer Gesellschaft übernehmen, sondern ohne ein durch das kollektive Gedächtnis geprägtes Bewusstsein sich der Lösung gesellschaftliche Probleme entziehen, indem sie individuelle Lösungen wählen. Dass Verhalten zahlreicher Manager und Banken, dass zur Finanzkrise des Jahres 2008 führte, die seitdem die Welt in Atem hält, legt zumindest den Verdacht nah, dass die kurz skizzierte Annahme so falsch nicht ist, dass hier Interessen einer kleinen Gruppe, die Erfahrungen einer Gesellschaft überlagert hat.

Aleida Assmann hat bereits Ende der 1990er Jahre auf die Bedeutung von externen Speichermedien für das kulturelle Gedächtnis hingewiesen. Natürlich lohnt die Betrachtung der Frage, was es noch wert ist, gelernt zu werden – und zwar nicht abgespeichert in der Cloud, sondern – um im Bild zu bleiben – auf der eigenen Festplatte. Entscheidend ist, welche Auswirkungen die Digitalisierung der Welt auf den Zusammenhalt und das kulturelle Gedächtnis von Gesellschaften hat. Warum? Wenn es kein Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte und Kultur, also einer verbindenden Identität gibt, warum soll-ten Menschen dann füreinander einstehen und Gesellschaften Krisen und anstehende Herausforderungen gemeinsam bestehen?
Es geht also im Kern um die Frage, was Menschen in der digitalen Gesellschaft miteinander verbindet und sie dazu bewegt, zusammen Probleme zu lösen. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Prof. Dr. Peter Strohschneider hat in diesem Zusammenhang an die Bedeutung der Geisteswissenschaften für unsere Gesellschaft erinnert: „Geisteswissenschaften arbeiten an unserem Gedächtnis und unserer kulturellen Identität. Es geht deswegen gar nicht ohne sie.“ Ich habe aber erhebliche Zweifel, ob es reicht, einige Wissenschaftler in den Elfenbeintürmen der deutschen Universitäten diesen Fragen nachgehen zu lassen.

Entscheidend ist daher die Frage, wie es um unser kulturelles Gedächtnis bestellt ist, wenn wir nicht mehr lernen und wissen, was Eckpunkte unserer nationalen oder europäischen Geschichte sind, sondern nur noch, wo und wie wir sie nachschlagen können? Wie steht es um tradierte Werte und Rechtsgüter, wenn an die Stelle einer werteorien-tierten Erziehung die Vermittlung von Methodenkompetenz tritt? Worüber besteht Konsens in einer Gesellschaft und wie funktioniert der dafür notwendige Diskurs in der digitalen Gesellschaft und auf welchem gemeinsamen Wissen als Grundvoraussetzung baut er auf?

Mit dieser Frage will ich mich intensiver beschäftigen. Ich hoffe, dass diesem Denkanstoß dann ein kontinuierlicher Dialog an verschiedenen Stellen folgt und mir wären Rückmeldungen, Anstöße und Kritik aus den Reihen des PolitCamp wichtig.

Denn des Internet mag ein Segen sein, so empfinden es viele Menschen. Es ist aber weder per se gut oder böse. Es ist das, was wir Menschen damit machen. Darum lohnt aus meiner Sicht die Diskussion, ob unser kollektives Gedächtnis in die Cloud ausgelagert werden kann.

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autor wieder und nicht die Position des Vereins PolitCamp, oder dessen Mitglieder.



4 Kommentare zu “Die Cloud und unser kollektives Gedächtnis”

    • Peter Tauber sagt:

      Danke für den guten Kommentar, der mir weitergeholfen hat. Allerdings möchte ich einige Dinge anmerken, bei denen ich mich falsch verstanden fühle. Zunächst einmal ist der Begriff der “Cloud” hier natürlich symbolisch gemeint. Mir ging es darum, sprachlich verständlich und einfach (auch für interessierten Leute ohne entsprechende technische Kenntnisse, die sich mit dem Internet beschäftigen) ein paar Gedanken aufzuschreiben. Gerade bei Geisteswissenschaftlern als Adressaten wollte ich mich nicht in technischen Grundlagen verlieren. Vielleicht war das ein Fehler.

      Grundsätzlich zielt der Kommentar auf die Tagespolitik ab. Er unterstellt zudem politische Ziele, die ich weder teile, die aus meiner Sicht auch nicht belegbar sind. In keinem bildungspolitischen Curriculum geht es darum, junge Menschen daran zu gewöhnen, völlig bedenkenlos ihre Daten zur Verfügung zustellen oder gar sich willfährig einem Überwachungsstaat hinzugeben. Hier liegt außerdem ein Staatsverständnis zu Grunde, dass ich weder teile noch für richtig erachte.

      Viel eher finde ich eine große Skepsis gegenüber den großen Konzernen wie Apple und Co. angebracht. Da stimme ich dem Autor voll und ganz zu!

      Den Hinweis auf Evgeny Morozov finde ich wichtig, denn das kannte ich noch nicht. Danke dafür. Da werde ich mich mal reinlesen und mir darüber Gedanken machen.

    • Peter Tauber sagt:

      Ganz herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar, den ich gerne bei meinen weiteren Gedanken berücksichtige. Allerdings möchte ich gerne ein paar Dinge klarstellen, bei denen ich mich missverstanden fühle:

      1. Ich bin keineswegs ein Kulturpessimist. Ich glaube trotz allen Wissens um die Fehlerhaftigkeit des Menschen daran, dass er gut ist. Und darum bin ich der Überzeugung, dass am Ende immer das Gute und die Freiheit obsiegen werden. Es gibt also keinen Grund pessimistisch zu sein – auch nicht mit Blick auf “die Kultur”, die sich nicht nur aufgrund des Fortschreitens der Geschichte, sondern gerade aufgrund der Veränderung unserer Gesellschaft wandelt. Kultur ist also nie statisch. Und das ist gut so.

      2. Ich habe keinen Zweifel daran, dass junge Menschen neugierig sind und sich die Welt aneignen wollen. Gerade deswegen muss man aber der jungen Generation das Handwerkszeug geben und sie befähigen, die Welt zu verstehen. Mir geht es dabei nicht um die Tradierung eines von wem auch immer gearteten Bildungskanons, ich bin aber schon der Auffassung, dass die tieferen Werte beispielsweise im Werke Friedrich Schillers bis heute in der Literatur keine Entsprechung gefunden haben und es keine moderneren Antworten auf die Frage unserer Zeit gibt, also die Freiheit, wie sie Schiller in seinem Werk vielfältig beschreibt. Darum reicht es eben nicht den Inhalt von Maria Stuart zu kennen, man muss das Werk verstehen. Darum geht es.

      3. Im letzten Absatz haben wir in der Tat einen Dissens. Es ist eben nicht zwangsläufig gegeben, dass Eliten ihr Handeln nur nach dem eigenen Vorteil oder der “egoistischen Maximierung des eigenen Nutzens” ausrichten. Gute Gegenbeispiele gibt es viele. Die soziale Marktwirtschaft basiert auf der Annahme, dass Entscheidungsträger eben das große Ganze mitdenken und dies hat ja auch 60 Jahre gut funktioniert.

      Natürlich ist meine Frage nach den Folgen der Digitalisierung unserer Welt für den Zusammenhalt einer – und vor allem unserer – Gesellschaft hypothetisch. Aber ich finde es lohnt sich, über diese Frage intensiver nachzudenken. Genau das wollte ich tun: laut darüber nachdenken. Vielleicht hat noch jemand eine gute Idee, wie man diesen Punkt konkreter fassen kann. Denn ich glaube es muss das Ziel sein, in der digitalen Gesellschaft ein mehr an Miteinander zu generieren und nicht ein weniger. Momentan sehe ich nicht das Letztere – was vielleicht auch an der Art mancher Debatte liegen mag. Da bin ich dann in der Tat vielleicht ein Pessimist. Ich habe aber noch Hoffnung solange es solche Auseinandersetzungen mit meinen Gedanken gibt und das was ich vielleicht sprachlich unzulänglich zu erklären versucht habe nicht mit Blick auf meine politischen Überzeugungen einseitig überinterpretiert wird wie in anderen Kommentaren leider geschehen.

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