• Vom: 14. Oktober 2011
  • Kommentare: Ein Kommentar
  • Kategorie: Debatten
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  • Über Jens Best


    Studierte Politikwissenschaft und VWL an der Universität Duisburg. Seit 12 Jahren berät er Wirtschaft, Institutionen und zivilgesellschaftliche Gruppierungen in den Bereichen Digitaler Wandel, Social Media und eCommerce. Er hat zwei Unternehmen im Bereich digitale Wirtschaft gegründet. Er ist Mitglied des Gesprächskreises Netzpolitik und Digitale Gesellschaft der Bundes-SPD.

„Überkochend“ – Eine zulässige Beschreibung der Betriebstemperatur des digitalen Wutbürgers. Polternde Dampfkessel aller Orten. Was waren es noch Zeiten, als der durchschnittliche Bürger mit einem “Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.” seinen eigenen geistigen Energieerhaltungssatz zu beschreiben pflegte.

Doch heute lässt den Wutbürger nichts mehr kalt, die Strassen der Heilen Welt wurden durch die Armee hindurchgetriebener Säue in rutschige Schlammpfade verwandelt, auf denen die einst stolz apolitische Neo-Bourgeoise orientierungslos taumelnd ihre Pippi Langstrumpf-Kleidchen im sozialen Abstieg schmutzig macht. Taka-Tuka-Land ist abgebrannt.

Wutentbrannt merkt der Frisch-Engagierte, wie jemand kaltblütig still und leise einen Entscheidungsstand herbeigeführt hat, der aufgrund der neuen Informationslage („Woher sollte ich das vorher wissen?“) ungerecht, undemokratisch, ja bedrohlich erscheint.
Der Engländer trinkt dann gerne erstmal einen #SolidariTea – hat er auch bei den #UKRiots so gemacht. Eile mit Weile, rief schon Augustus seinen Mitrömern zu. Was ist nun der Gute Rat in Zeiten des Internets? – Wie könnte es digital funktionieren, dass wir uns nicht mit all der sozialen Hitzeentwicklung aufreiben? – Und was hat Informationsgerechtigkeit damit zu tun, wenn wir in versucht buddhistischer Ruhe miteinander, aneinander, zueinander partizipieren wollen am großen Ganzen oder am wichtig Kleinen?

Partizipation also von Jedem an Allem? Oder dürfen es erstmal ein, zwei kleine Entscheidungsprozesschen sein? Die werden zwar mittelfristig durch “Sachzwänge” und “übergeordnete Interessen” wieder negiert werden, aber dann ist die Karawane oft bereits ganz woanders. Partizipation als Hype ergänzt den bunten Blumenstrauss des Bewussten LebensTM,mit dem das protagonistische Individuum auf Aufmerksamkeitsbalz geht. Wer es schafft die Illusion der individuellen Wahl aufrechtzuerhalten, kann mit Zulauf rechnen. Crowd-gesourced glaubt man glücklich die neuen Halbheiten, deren Lösungsansätze in den dunklen Gassen des morgigen Gestern versickern wie vieles zuvor.

Im Großen wie im Kleinen – gehe es nun um das industriell gefertigte Joghurt oder die sogenannten neutralen Forschungsverfahren zur Endlagerfrage in Gorleben – quasi alles in unser heutigen Gesellschaft beruht auf einer Informationslage, die nicht der Reinheit des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstandes und der Verpflichtung einer aufgeklärten menschlichen Kultur gerecht wird. Unser Denken ist verseucht von Vorurteilen, verführt von Marketing und PR, vernebelt vom Ego und absichtsvoll überfordert.

Jahrzehnte neoliberalen Handelns in Politik und Wirtschaft haben den Menschen vom gemeinsamen verantwortlichen Denken und Handeln entwöhnt. Teilhabe wurde auf ein BigBrother-Niveau heruntergefahren, die popkulturellen 15-Ego-Minuten im täglichen Web sind das Wellen-Kräuseln des Warholschen Versprechens in einer Zeit, die auf der optimierten Ausbeutung des Individuums bei gleichzeitiger bestmöglicher Befriedigung steigender Ersatzbedürfnisse besteht.

Und ausgerechnet jetzt fällt der digitalen Frontgemeinde in der üblichen Hektik dieser Zeitepoche nichts Besseres ein, als “Partizipation 2.0″ auszurufen und ein paar Websites online zustellen. Was passiert? – Ein neuer Reigen des PR-Getöses (diesmal mit user-generated elements); der wilde Tanz der unreflektierten “Ilikes” und der dahin-geposteten “Meinung“ wird initiiert. Bitte votet.

Partizipation in einer digitalen Informationsgesellschaft braucht zuallererst eine neue erweiterte Erzählung, die den Menschen diskursiv heranführt an die Idee der nun möglichen Gesellschaft. Ihn damit auch neu zu sich selbst entführt. Partizipation braucht nicht primär Funktionalität, sondern Begründung. Und ihr Erfolg, das streitbare Finden eines gemeinsamen Weges, muss so berichtet und dokumentiert werden, dass es den Menschen in seiner empathischen Ebene berührt. Das Verstehenwollen der partizipativen Potentiale digitaler Kommunikation braucht für nachhaltigen Erfolg das Verständnis vom Sinn der Gemeinschaft.

Der lautstarke Wunsch nach basisdemokratischer Partizipation ist im Kern ein Zeichen des missbrauchten Vertrauens. Vertrauen muss neu verstanden werden als delegierte Souveränität. Die zeitliche oder thematische Beschränkung dieser Delegation wird durch den Umfang der arbeitsteiligen Organisation der jeweiligen Gesellschaft diktiert. Selbst schon die Gründungseltern des Grundgesetzes drückten mit „Wahlen und Abstimmungen“ in Art 20 GG den Wunsch nach einer größeren Partizipationsfähigkeit der Bevölkerung aus. Dies gelingt nicht durch Technik, sondern durch den individuellen Willen zu einer neuen Streitkultur und damit zu einer wahrlich pluralistischen Gesellschaft zu finden.

Wie aber auch immer dies im Konkreten laufen wird – „Nach bestem Wissen und Gewissen“ bleibt das einzig haltbare Versprechen, das ein Einzelner hinsichtlich seiner Entscheidungsgüte sich selbst und anderen Menschen geben kann. Dies neu zu verstehen und neu gegenseitig zu dokumentieren, bleibt also die Herausforderung einer Partizipation 2.0. Der darin enthaltene Respekt vor dem eignen und fremden „Falschliegen“ ist ein Element, das, wenn es verstanden wird, zu einer Abkühlung der Gemüter beitragen kann.

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder und nicht die Position des Vereins PolitCamp, oder dessen Mitglieder.

Mehr Artikel zum Thema “Beteiligung”:

Valentin Tomaschek: “Die Politik und das Netz. Zwischen den Polen.

Stefan Hennewig: “20 Jahre Web, 20 Jahre warten auf die politische Agora

Prof. Dr. Hans J. Kleinsteuber: Partizipation muss ermutigt werden

Samuel Decker: Den digitalen Graben überwinden – eine Aufgabe für Politik und Zivilgesellschaft

Veranstaltungshinweis:

Abgeordnetenwatch.de wird am 20. Oktober 2010 mit weiteren interessanten Gästen das Thema in Berlin diskutieren. Mehr Informationen.



Ein Kommentar zu “Heiß oder Kalt servieren? – Aggregatzustände der Partizipation”

  1. Steffen Voß sagt:

    Der erste Teil des Textes ist mir zu Wort-verliebt. Im zweiten Teil wirst Du plötzlich völlig klar und der gefällt mir auch inhaltlich. Und den “Respekt vor dem eignen und fremden ‘Falschliegen’” ist auch meiner Meinung nach, eine Tugend mit Potential. ;-)

    Viel zu oft sind mir die Netzdiskussionen zu einseitig und zu arrogant. Das hilft sicher nicht beim Überzeugen…

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